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Herausforderung Migration: Andere Kultur – anderer Arbeitsschutz?!

30. Juli 2021

An die Bilder und Medienberichte können wir uns sicher noch alle gut erinnern: Menschen dicht gedrängt in Schlauchbooten, abgestellte LKWs, in denen Flüchtlinge gefunden wurden oder der Junge, der leblos an einem Strand lag. Menschen, die nicht länger in Flüchtlingslagern bleiben wollen und sich zu Fuß nach Deutschland aufgemacht haben. Etwa 1,4 Millionen Flüchtlinge sind bis zum Sommer 2016 in die Bundesrepublik eingereist. Manche mit der Absicht, wieder in ihr Heimatland zurück zu kehren, wenn der Krieg vorbei ist und die politische Situation sich verbessert hat. Andere wollen bleiben und sich hier eine Zukunft aufbauen. Ob das gelingt, dafür sind Schulabschluss und Berufsausbildung sowie die Berufstätigkeit von zentraler Bedeutung. Und hier kommt dem Arbeits- und Gesundheitsschutz eine große Bedeutung zu: Sicherheit und Gesundheit in der Lern- und Arbeitswelt muss für alle Menschen – unabhängig ihrer Herkunft – eine zentrale Rolle spielen.


26% der Bevölkerung in Deutschland haben einen Migrationshintergrund

Die Bevölkerung in Deutschland ist im Jahr 2020 auf 83 Millionen Menschen gewachsen (Statistisches Bundesamt, 2021). 2019 lebten nach Zahlen des Mikrozensus in den deutschen Privathaushalten 21,2 Millionen Menschen, die selbst oder bei denen mindestens ein Elternteil die deutsche Staatsangehörigkeit nicht seit Geburt besitzt. Dies entspricht einem Bevölkerungsanteil der Menschen mit Migrationshintergrund von 26,0% (BPB, 2020). Eine Person hat einen Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde. Im Einzelnen umfasst diese Definition zugewan-derte und nicht zugewanderte Ausländerinnen und Ausländer, zugewanderte und nicht zugewanderte Eingebürgerte, (Spät-) Aussiedlerinnen und (Spät-) Aussiedler sowie die als Deut-sche geborenen Nachkommen dieser Gruppen .

Das Migrationsgeschehen in Deutschland ist vor allem durch Zuwanderung aus bzw. Abwanderung in andere europäische Staaten gekennzeichnet. So kamen im Jahr 2019 66,4% aller zugewanderten Personen aus einem anderen europäischen Land, davon 51,1% aus Staaten der EU und 15,3% aus sonstigen europäischen Staaten (BAMF, 2019).

Die Migration nach Deutschland wandelt sich: Die humanitäre Zuwanderung, so wie wir sie 2015 und 2016 erlebt haben, ist zurückgegangen. Dafür kommen stetig mehr Menschen nach Deutschland, um hier zu studieren und zu arbeiten. Die Zahl der Bildungsausländerinnen und Bildungsausländer, die ihr Studium in Deutschland aufgenommen haben, ist im Jahr 2019 erneut leicht angestiegen. Ihre Zahl hat sich von 109.995 im Jahr 2018 auf 110.974 im Jahr 2019 erhöht (+0,9%). Damit wurde im Jahr 2019 die bislang höchste Zahl an Bildungsausländerinnen und Bildungsausländern unter den Erstsemestern an deutschen Hochschulen verzeichnet (BAMF, 2019).

Ein hoher Anteil von Beschäftigten mit Migrationshintergrund sind überwiegend im Dienstleistungssektor, insbesondere in den Bereichen Hauswirtschaft, Pflege und Gesundheitswesen, im Hotel- und Gaststättengewerbe, im Bau- und Transportbereich sowie in der verarbeitenden Industrie und im Agrarsektor tätig.

Menschen mit Migrationshintergrund bilden eine heterogene Gruppe, nicht nur im Hinblick auf ihr Herkunftsland, ihre Muttersprache und Kultur. Auch bezüglich gesundheitlicher Konstituti-on gibt es unterschiedliche Befunde. Während neu Zugewanderte oftmals einen besonders guten Gesundheitszustand aufweisen (der so genannte „Healthy Migrant Effect"), können sich ungünstig gestaltete Arbeitsbedingungen und eine benachteiligte sozioökonomische Situation mit zunehmender Aufenthaltsdauer negativ auf den Gesundheitszustand auswirken. Becker und Faller (2019) zeigen auf, dass Beschäftigte mit Migrationshintergrund häufiger körperlichen sowie Umgebungsbelastungen ausgesetzt sind. Zudem sind für sie die strukturellen Rahmenbedingungen bei der Arbeit schlechter, etwa in Form geringerer Erwerbstätigenquoten und häufigerer atypischer Beschäftigungsverhältnisse. Ferner gibt es Gruppen, die in besonderem Maß benachteiligt sind, weil sie keinen vollständigen oder geregelten Zugang zur Gesundheitsversorgung haben.

Die Daten zur Unfallstatistik von Beschäftigten mit Migrationshintergrund ergeben kein eindeutiges Bild (DGUV, 2020). Insgesamt scheinen die Daten in die Richtung zu deuten, dass ein leicht erhöhtes Risiko für Beschäftige mit Migrationshintergrund besteht, einen Unfall bei der Arbeit zu erleiden. Dieses Risiko entsteht nicht durch das Migrant sein per se. Es ergibt sich aus einer Kombination aus verschiedenen Faktoren, wie die sprachlichen Kompetenzen, die kulturellen Unterschiede im Sicherheitsverhalten sowie die Branche bzw. die Tätigkeit, in der die Person beschäftigt ist.

Was bedeutet das für die Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit?

In Unternehmen und Dienststellen wächst der Anteil von Beschäftigten mit Migrationshintergrund. Der Umgang mit der kulturellen Vielfalt ist zur täglichen Routine und zugleich zur täglichen Herausforderung geworden. Das bietet Chancen, erfordert aber auch besondere Präventionskonzepte, damit Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit alle Beschäftigten erreicht. Schließlich hat jeder Kulturkreis seine eigenen Werte, Normen und Regeln. Bei Arbeitgebern schürt das oft zu Unsicherheiten: Wie unterweise ich jemanden, der noch nicht so gut Deutsch spricht? Wie mache ich auf Gefahren aufmerksam?

Es ist naheliegt, dass es besondere Präventionsmaßnahmen für Arbeitnehmende mit Migrationshintergrund bedarf. Insbesondere für jene, die nur über geringe Deutschkenntnisse und berufliche Qualifikationen verfügen. Denn gerade sie sind, wie oben beschrieben, häufig in Branchen und an Arbeitsplätzen mit hohem Gefährdungspotenzial beschäftigt. Mangelnde Sprachkenntnisse und geringe Qualifikationen – eventuell noch verbunden mit kulturellen Unterschieden im Sicherheitsverhalten – können unweigerlich zu einer besonderen Gefährdung führen. Auf Basis dieser Erkenntnisse bieten sich für die Prävention im Bereich Migration beispielhaft folgende Ansätze an:

► Bildgestützte Prävention

Bei fehlenden oder nur geringen Sprachkenntnissen können kurze Videoclips, Filme, Bilder und Piktogramme hilfreich sein, z.B. um Unterweisungen oder Betriebsanweisungen verständlicher zu gestalten. Ein Beispiel sind die „Napo"-Arbeitsschutzfilme. In diesen kurzen Filmen werden typische Arbeitssituationen nicht mit Worten, sondern mit allgemein verständlichen Gesten dargestellt. Sie sind für einen kulturübergreifenden Einsatz geeignet. Auch die Nutzung und die Gestaltung von mehrsprachigen und/oder bildgestützten Anweisungen und Hinweisschildern ist empfehlenswert

► Mehrsprachige Unterweisungsmaterialien

So wie bei Unterweisungen von deutschsprachigen Mitarbeitenden auch, ist bei Beschäftigten mit Flucht- oder Migrationshintergrund sicherzustellen, dass sie die Unterweisung verstanden haben und wissen, wie sie das Gelernte umsetzen können. Neben den fehlenden sprachlichen Kompetenzen haben Beschäftigte mit Flucht- oder Migrationshinter-grund mit geringer Bildung und Qualifikation oft auch keine Lesekompetenz. In diesem Fall ist der Einsatz von fremdsprachigen Texten nicht zu empfehlen. Gerade hier ist eine Ergänzung durch das oben beschriebene filmische Material und durch Piktogramme sinnvoll.

Dabei ist zu bedenken, dass in einzelnen Kulturen Zeichen und Symbole unterschiedliche Bedeutungen haben können. Bei uns in Deutschland bedeutet eine geballte Faust mit dem Daumen nach oben „Super". In Australien und im Iran gilt das als Beleidigung, in China als Zahl „5" und in Indonesien steht das für die Zahl „6".

► Aufbau von Peersystemen und Schaffung von innerbetrieblichen Austauschmöglichkeiten

Betriebe berichten über positive Erfahrungen von sog. Peersystemen. Das heißt: eine Vertretung der Migrantengruppe (auf Englisch „Peer"), die sowohl Deutsch als auch die Herkunftssprache spricht und Ansehen unter den Kolleginnen und Kollegen genießt, ist Ansprechperson für alle Fragen der Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit. Es ist zu empfehlen, diese Person als Sicherheitsbeauftragten zu benennen und ihn entsprechend beim zuständigen Unfallversicherungsträger zu qualifizieren. Weiterhin sollten solche Peers eine aktive Rolle beim Betrieblichen Gesundheitsmanagement einnehmen. Peers können vieles in der Landessprache einfacher vermitteln und haben die Autorität, dieses auch in der Peergruppe durchzusetzen.

Die Bedürfnisse der Stammbeschäftigten darf nicht außer Acht gelassen werden. Eine Integration gelingt, wenn sie von allen getragen wird. Hierzu wird empfohlen, regelmäßige Austauschformate anzubieten, um Herausforderungen im Kontext von Migration identifizieren zu können. Solche Gespräche bieten auch die Chance, um voneinander zu erfahren, wie die Einzelnen mit den Herausforderungen umgehen. Von einander lernen, kann eine erste niedrigschwellige Maßnahme sein.

► Personalauswahl –
Berücksichtigung der Sprachkompetenz

Bereits im Einstellungsprozess sollte – neben der fachlichen Qualifikation – auch auf die Fähigkeit, sich sprachlich zu verständigen, geachtet werden.

Verfügen die Bewerberinnen und Bewerber nicht über ausreichende Deutschkenntnisse, sollte bereits bei Beginn der Arbeitstätigkeit geeignete Maßnahmen vereinbart werden, z.B. Sprachkurse, Sprachtandems, etc.

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► Qualifizierung der Führungskräfte und weiterer betrieblicher Akteure

Im Rahmen ihrer Auswahlpflicht haben Führungskräfte sicherzustellen, dass Aufgaben nur an solche Mitarbeitende weitergegeben werden, die aufgrund ihrer Gesundheit und Qualifikation auch tatsächlich dazu in der Lage sind. Außerdem sind Anweisungen darüber zu machen, wie bestimmte Aufgaben zu erledigen sind.
Kultur-, religions- und sozialisationsbedingte Kommunikations- und Verhaltensweisen können zu Unverständnis und Unsicherheiten im Handeln von Führungskräften und an-deren betrieblichen Akteuren führen. Daher ist der Erwerb von interkultureller Kompetenz maßgebend. Aufgrund ihrer Fürsorgepflicht ist es für Führungskräfte wichtig, dass sie wissen, welche Beschäftigten über geringe Sprachkenntnisse verfügen. Nach einer Bestandsaufnahme der betrieblichen Situation kann die Thematik mit allen Akteuren des Arbeitsschutzes erörtert werden (z.B. im Rahmen der Arbeitsschutzausschusssitzungen) und in die Gefährdungsbeurteilung mit einbezogen werden. Rücksprache mit Beschäftigten, die eng mit den Arbeitnehmenden mit Migrationshintergrund zusammenarbeiten, können zudem Aufschluss darüber geben, wie hoch die Verständnisdefizite und eventuell daraus resultierende Gefährdungen sind.
Weiterhin können Qualifizierungsmaßnahmen zur interkulturellen Sensibilisierung sowie Kommunikations- und Konflikttrainings einen wertvollen Beitrag leisten, um betriebliche Akteure (u.a. auch Personalrat, Fachkraft für Arbeitssicherheit, Betriebsärzte) zum besseren Umgang mit der kulturellen Vielfalt zu befähigen. Die Verankerung der Themen in Personalentwicklungsmaßnahmen ist zu empfehlen.

► Partizipation

Oft werden Beschäftigte mit Migrationshintergrund nur als Menschen gesehen, die Präventionsangebote empfangen. Letztlich ist es aber sinnvoll, sie aktiv einzubeziehen, da sie gut wissen, was sie brauchen, um sicher und gesund arbeiten zu können. Es ist zu überlegen, ob verstärkt Sicherheitsfachkräfte mit Migrations- oder Fluchthintergrund ausgebildet werden sollen. Diese könnten, ähnlich wie die oben genannten Peers, arbeitsschutzrelevante Themen nicht nur auf Deutsch, sondern auch in einer Zweitsprache vermitteln. Sie sind zudem mit den kulturellen Standards vertraut.

► Unternehmenskultur

Die Kultur einer Dienststelle ist nicht direkt sichtbar, äußert sich aber im Verhalten aller Mitarbeitenden. Es sollte eine globale Präventionskultur angestrebt werden, in der die Unterschiede im Präventionsverständnis der verschiedenen Länder langfristig harmonisiert. Ein Diversity Management muss ein fester Bestandteil der Unternehmenskultur werden. Eine Kultur der Offenheit, Wertschätzung und Toleranz schafft ein Klima, in dem jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter sicher und gesund arbeiten kann.

Deutscher Straßenverkehr als Herausforderung

Der Straßenverkehr stellt für alle Menschen eine Herausforderung dar – unabhängig davon in welchem Kulturkreis man sozialisiert wurde. In 2019 ereigneten sich in Deutschland 186.672 Wegeunfälle, von den die überwiegende Mehrzahl "Wegeunfälle im Straßenverkehr" sind, das heißt: Unfälle auf dem Weg zur Arbeit oder von der Arbeit nach Hause (DGUV, o.J.).

Die meisten Flüchtlinge/Zuwanderer sind zunächst als Fußgänger unterwegs oder sie benut-zen das Fahrrad oder den öffentlichen Personennahverkehr. Wegen der großen Unterschiede zu den Verkehrssituationen in ihren Heimatländern kann die Bewältigung der täglichen Wege zu einer Gefährdung für sie werden. Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) hat mit Un-terstützung der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) zwei Printmedien sowie eine Internetseite und eine Smartphone-App unter dem gemeinsamen Titel „German Road Safety" entwickelt. Ziel ist es vor allem, dass auch Geflüchtete die wichtigsten Verkehrszei-chen kennen, elementare Verkehrsregeln anwenden und sich somit sicherer auf Straßen, Rad- oder Fußwegen bewegen können. Weitere Informationen finden Sie hier: German Road Safety (Link: https://www.germanroadsafety.de/)

Migrantinnen und Migranten, aber auch Flüchtlinge und Asylsuchende haben viele Wagnisse auf sich genommen, um nach Deutschland zu kommen und hier einen privaten und berufli-chen Neuanfang zu gestalten. Für unserer alternde Gesellschaft spielt Migration eine wichtige Rolle. Zugewanderten gute Chancen für Beschäftigung, Bildung und Gesundheit zu bieten, sind wichtige Ziele einer gelingenden Integration. Mit der Integration kommt auf den Arbeits- und Gesundheitsschutz eine Herausforderung zu. Bestehende Präventionskonzepte sind mit Blick auf die sprachlichen und kulturellen Besonderheiten weiter zu entwickeln und umzuset-zen. Neue Arbeitnehmende mit Migrationshintergrund treffen auf eine Sicherheits- und Ge-sundheitskultur, die häufig anders ist als die ihres Heimatlandes. Im Interesse aller sind die Sprachkompetenzen zu erweitern. Denn Sprache ich der Schlüssel nicht nur zum sicheren Arbeiten, sondern auch zu einer gelingenden Integration in die Gesellschaft.